Vater

In den frühen Stunden vor der Schlacht werde ich aus dem Tiefschlaf gerissen, eine triefnasse Gestalt beugt sich über mich. Ich packe sie und ergreife das Schwert; aber es ist nur wieder Vater. Unglaublich, wie hartnäckig die Toten sein können.

"Lass mich doch, alten Mann", sagt er, als hätte ich gesprochen, "kämpfen kann ich ja nicht mehr, und wenn ich den Steuermann finde, können wir ihn endlich begraben. Mit einem heimatlosen Toten bleibt ihr heimatlos. Außerdem komm, ein Bad tut dir jetzt auch gut, und wir müssen das Schiff umsetzen, nicht, dass es Morgen was abkriegt."

Da hat er recht. Wir laufen zum Strand, rudern zum Schiff und lichten den Anker. Dann erst frage ich mich: Warum allein, was machen wir hier eigentlich? Aber schon legt Vater Kurs an, ein rauer Wind schwellt auf sein Handzeichen die Segel, das Schiff steuert stracks den steilsten Küstenabschnitt an, und ich weiß, das habe ich schon mal erlebt, und kann doch nicht glauben, was ich sehe: Unmittelbar vor der Brandung reißt sich Vater, während er das Ruder nur mit der Linken hält, Hemd und Haut mit der Rechten in einem kräftigen Schwung quer von der Schulter abwärts bis zur Taille ab und entblößt eine weibliche Brust.

Da wird mir klar: Das ist nicht Vater, die Sibylle steuert. Ich träume wieder, deshalb rede ich die ganze Zeit so gestelzt. Aber bevor ich mich freischütteln kann, lässt mich ein neues Wunder erstarren: Die bewaldeten Felsen teilen sich, das Schiff läuft in eine Schneise ein. "Das ist kein Traum", sagt die Sibylle.

Die Bäume wachsen auf grasgrünem Wasser, aber auch darüber zu staunen ist keine Zeit, das Kiel gleitet geschwind auf ein Feuer zu. 'Das Lager' hoffe ich und glaube es doch nicht, denn die Flammen breiten sich fauchend aus, das Sternenlicht erlischt hinter gigantischen Rauchwolken.

Die Feuersbrunst dröhnt, der Schiffsrumpf kracht in den Fugen. Ich halte mir eine Hand vor die Augen. "Ich kann jetzt noch abdrehen!", ruft feierlich, herausfordernd, die Stimme der Sibylle. Ich möchte warnen, bitten, aber denke: 'Was ist hinter dem Feuer?', und die Flammen verschlingen das Schiff.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich an einem unbekannten, seltsam farblosen Ort auf einer Wiese. Zu meiner Linken kniet die Sibylle, zu meiner Rechten ein älterer Mann, der mich freundlich anspricht: nunc animis opus, Ænea, nunc pectore firmo. Ich möchte mich aufrichten, aber die Priesterin drückt mich mit steinharter Hand ins Gras und verwandelt den Silbenfluss in verständliche Rede: "Jetzt brauchst du Mut, Æneas, und ein standhaftes Herz. Kommst du endlich, hat die vom Vater erwartete Liebe den harten Weg bezwungen? Ist es vergönnt, dein Antlitz zu sehen, Sohn…"

Vater, ja. Er richtet sich auf. Er spricht undeutlich und so schnell, dass die Sibylle nur Fetzenweise nachkommt: "Sohn, ich will es dir sagen, im Ungewissen lasse ich dich nicht… daher stammen die Arten der Menschen, des Viehs und der Vögel… tief drin muss vieles, was lange Zeit zusammenwuchs, auf erstaunliche Weise noch Wurzeln schlagen… jeder von uns erlebt sein Jenseits… wohlan nun, ich werde dir sagen… welche Enkel vom Italerstamm dir in Aussicht gestellt sind, edle Seelen, bestimmt, einst unseren Namen zu tragen… das alles sage ich dir und so dein eigenes Schicksal."

Der Schatten sieht mich erwartungsvoll an, die Sibylle drängt: "Frag' ihn nach der Zukunft!" und lässt los. Ich richte mich schnell auf: "Vater, warum bist du so seltsam? Was ist hier los?!" – "Dafür ist keine Zeit!", ruft die Sibylle, "Frag ihn!" Ich sehe sie ratlos an: "Das ist nicht mein Vater! Wer ist das?!" Der Unbekannte seufzt. Ich werfe mich der Priesterin zu Füßen: "Ich bitte Dich bei den Göttern! Sag' mir doch, wer der Fremde ist!" Der Mann beginnt sich zu entfernen, die Sibylle schüttelt den Kopf. Ihr Blick wird weicher, mitleidig. "Ein großer Dichter. Er kennt die Zukunft, frag' ihn einfach, und er wir dir dein Schicksal und das der Welt sagen.", flüstert sie. Ich weiß, dass sie die Wahrheit sagt. Ich rufe dem Unbekannten zu: "Sag' mir, ich bitte dich bei Deinen Göttern, wie endet dieser Krieg?"

Jetzt wird mir klar, dass ich doch träume. Sie hat gelogen.

Der Fremde wendet mir ein glücklich strahlendes, tränennasses Antlitz zu, breitet die Arme aus und deklamiert, rückwärts entschwebend: cunctanti telum Æneas fatale coruscat, sortitus fortunam oculis, et corpore toto eminus intorquet…

Die Verse fliegen mit dem Mann davon, zurück bleibt nur die klagende Stimme der Sibylle, "Spricht's und versenkt ihm wütend von vorn in der Brust seine Klinge; dem aber lösen sich da in Todeskälte die Glieder; seufzend voll Unmut flüchtet sein Leben hinab zu den Schatten!"

Ich ergreife mein Schwert und renne aus dem Wald, durch die Böschung, zur Steilküste. Von der Abbruchkante aus flehe ich die Wellen an: "Warte! So warte doch!" Das Wasser stinkt, modrig, schleimig, die Sonne kriecht den Himmel hinauf, eine blutrote Spur zeigt, woher sie kommt.

Das Schwert fällt mir aus der Hand. Eine unsichtbare Hand drückt mich auf die Knie dann zu Boden, ich rolle mich zusammen, schütze das Gesicht mit den Armen und erwache, blind, vom eigenen Schluchzen.

Die Sybille berührt mich sanft. Sie hilft mir auf, nimmt mich bei der Hand, führt mich zurück zum Waldrand, lässt sich nieder und zieht mich zu sich hinunter. Sie nimmt meinen Kopf in den Armen und wiegt ihn sanft an ihrer Brust.

"Weine nicht! Der böse Traum ist vorbei, und du musst kämpfen, Æneas, deine Männer sind erschöpft, dieses sumpfige Schlachtfeld macht sie krank… aber der Krieg wird enden, das fühlst du, nicht wahr? Und ihr werdet siegen… das Land wird glücklich unter deiner Herrschaft… glaube mir, ich weiß alles… ich werde deinen Nachfolgern weissagen, und sie werden meinen Rat befolgen…" – "Du lügst!", schreie ich, reiße mich los, springe auf, suche meine Waffen, "Du lügst, und wenn du noch so sehr die Wahrheit sprichst! Ich will nicht hören, was du sagst! Ich will nicht wissen, was du siehst! Ich will nicht tun, was du rätst!"

Die Sibylle richtet sich auf, verschränkt die Arme, ihre Augen sind jetzt Scharten, ihr Gesicht eine rissige Wand: "Es gibt nur einen Weg aus diesem Sumpf", sagt sie kalt, "und der führt durch die Unterwelt. Geh allein, wenn du kannst." Sie wendet sich ab und betrachtet schweigend das Meer.

Eine steinerne Faust quetscht meine Brust zusammen. Ich versuche dagegen anzukämpfen. Sie drückt stärker. Rat. Ihren Rat brauchst du. Ich gebe auf, nicht zum ersten Mal. "Bitte, du zeigst mir so verwirrende Dinge", flüstere ich, "und erklärst nicht, was sie bedeuten." – "Ich!", lacht die Sibylle schneidend.

"Ich!", wiederholt sie klagend, "Ich sitze einsam vor einem Becher Wein in einer schmutzigen Taverne voller Lärm. Vor der Tür tobt euer Bürgerkrieg, Hunde werden ans Kreuz geschlagen, schwarze Pferde starren mich an, und das Brot schmeckt wie Sand und der Wein wie Salzwasser! O ihr Götter! Wofür werde ich bestraft?!" Ich schweige, warte. Ich weiß, ich muss sie besänftigen. Ich brauche sie. "Ja…", versuche ich, leise, vorsichtig, "Ein Gott spricht wohl aus dir, und du weißt nicht, was du sagst?"

"Ein Gott. Gewiss", seufzt die Sibylle, "Apollon, nicht wahr? Komm' jetzt. Wir gehen."

"Wohin?"

"Zurück ins Lager. Wir werden Opfer darbringen und in den Orkus hinabsteigen. Ich zeige dir den Weg." Sie läuft auf das Wasser zu. "Wo gehst du hin!", rufe ich. Sie bleibt stehen. "Verzeih’ mir", sagt sie, "ich war in Gedanken." Sie kehrt um und läuft Seite an Seite mit mir durch den Wald.

Laufen tut gut. Ein Ziel zu haben, erleichtert. Ich bin wieder wach und sehe klar. Am Ende der Dinge weiß ich, nicht sie, Bescheid. "Diese Schlacht heute", erkläre ich ihr, "ist so gut wie unser. Die Aufstellung der Truppen könnte günstiger sein, und wir sind nicht mehr frisch, aber wenn die Sonne aufgeht über…", der Name ist weg, "Wie heißt das hier nochmal? Ich weiß es nicht mehr…" – "Das macht nichts, mein Herrscher, ich verstehe dich." – Da hat sie recht. Ich sehe sie freundlich an. Eine kleine Frau in Lumpen, ich muss sie standesgemäßer ausstatten, meine Priesterin. Und ich muss ihr beibringen, weniger Unsinn zu reden und mehr zuzuhören. Nützlich ist sie, keine Frage. Ich packe sie am Oberarm, "Ich habe anstrengende Träume. Nacht für Nacht erprobe ich im Schlaf neue Waffen, Nebel, reife Früchte, winzige schwarze Punkte. Die Bilder ihrer Auswirkungen verfolgen mich in den Tag hinein. Immerzu sehe ich verzerrte Gesichter, aus deren Öffnungen gelbliche Schwaden kriechen, zerfetzte Kinderkörper mit einer blutroten Frucht in der Hand, schreiende Frauen, durch deren Wangen sich schwarzer Brand frisst. Sag mir! Was hat das zu bedeuten?" – "Es ist Unsinn, mein Herrscher, weiter nichts." – "Ein Gott schickt mir wohl solche Trugbilder, um mich auf die Probe zu stellen", ich drücke ihren Arm, "nicht wahr?" – "Ein Gott, gewiss", sagt die Priesterin, "Apollon. Doch erzähle mir noch von der Schlacht, die du morgen gewinnen wirst." – "Gewinnen…", höre ich mich sagen, und die heitere Stimme muntert mich auf, "Ja, gewinnen! Und einen Staat gründen."

Darum geht es. Die Schlacht wird vor Sonnenaufgang toben. Es ist Zeit. Ich rufe:

"Männer! Heran! Beginnen wir den Tag!

Mensch oder Gottheit, niemand hält uns auf!

Wir werden siegen und ein Reich aufbauen,

wie es die Welt noch nie gesehen hat!"