Hundstage

Es war eine alte Gewohnheit, im Hochsommer besuchte ich meinen Freund Eudoxos und wir stritten sieben Tage lang von früh bis in die Nacht hinein, am ersten Tag über die Erde, ihre Form und ihren Ursprung, am zweiten über die Natur des Lichts, die Bewegungen der Sterne und die Einteilung der Zeit, am dritten über das Wasser, seine Beschaffenheit und seine Eigenschaften, am vierten über die Luft und das Feuer, am fünften über die heilenden und die giftigen Pflanzen, am sechsten über den Unterschied zwischen Gut und Böse, am letzten über die Götter.

Aber einmal sagte mein Freund am siebten Tag überraschend, er habe vor einiger Zeit eine schöne und lehrreiche Geschichte gehört, die er nun gern erzählen würde. Ich lehnte ab, und als der alte Trotzkopf nicht weiterstreiten wollte, verabschiedete ich mich.

Mein Unbehagen schob ich auf den längeren Aufenthalt in gemütlichen Räumen, aber es legte sich nicht, als ich wieder allein und unterwegs war, sondern verstärkte sich im Gegenteil mit jedem Schritt. Die Straße zerfloss in der Hitze, die Zikaden zirpten ohrenbetäubend, mir wurde immer unwohler. Ich versuchte, das Beklemmungsgefühl abzuschütteln, ging schneller, atmete zwei-, drei-, viermal tief durch. Da trat mir kalter Schweiß auf die Stirn, ich schmeckte Galle, verlor das Gleichgewicht, wankte zu einem vertrockneten Olivenhain, den jemand an der Straße liebevoll angelegt, dann aber sich selbst überlassen haben musste, und ließ mich im spärlichen Schatten eines Ölbaums auf den Boden gleiten. Als ich endlich saß, konnte ich wieder Luft holen. Aber da geriet ein Busch, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite wuchs, plötzlich in Brand.

"Seht her den Philosophen, der keine Geschichte hören wollte" hänselten die knisternden Zweige in einem Durcheinander männlicher, weiblicher und kindlicher Stimmen.

Wie die Beklemmung plötzlich dem Erstaunen wich, wie ich aufsprang und auf das Feuer starrte, das weiter loderte, ohne das trockene Gras in Brand zu setzen – wenn ich es erzähle, spielt es sich wieder ab, und immer wenn ich wieder daran denke, muss ich erzählen. Es war ein Bann so unentrinnbar wie die Liebe.

Ein großväterlicher Bass dröhnte aus dem brennenden Busch: "Willst du nicht vor mir auf die Knie fallen?" Ich stierte nur, sprachlos. "Auch gut", donnerte der Busch jovial weiter, "Schweigen ist Gold, mein Guter, und wer Ohren zu hören hat, der höre." Die Stimme war unerträglich, ich presste die Hände auf die Ohren.

Als hätte sie es gesehen, beruhigte sich die Flamme und flüsterte sanft: "Schon gut. Komm, Lieber, setz' dich wieder hin. Das wird hier ein Weilchen dauern." Ob ein Mann sprach, hätte ich jetzt nicht mehr sagen können. Vielleicht war es auch eine sehr tiefe Frauenstimme. "Lehn' dich doch an den Stamm", riet sie, "mach's dir bequem, gleich geht es dir viel besser." Ich gehorchte und musste ihr sofort recht geben. Aber wessen Stimme war das?

"Du hast noch nie an Götter geglaubt", sagte die Flamme freundlich, "Aber das will nichts heißen. Unzählige glauben an Götter und kommen mir nie nahe."

Ich wollte fragen "Wer bist du?" aber die brennenden Zweige sprachen schon weiter, "Sag einmal, Freund: warum wolltest du nicht die Geschichte hören?"

Vielleicht war es die Frage, vielleicht auch eher die Stimme; jedenfalls antwortete ich sofort, ohne nachzudenken: "Das wäre nur Zeitverschwendung gewesen. Die Menschen erzählen, seitdem sie sprechen können, und sind nicht klüger geworden."

"Aber leuchtet ihnen deine ganze Philosophie besser heim als der Feuerschein der alten Mythen? Du suchst doch den Menschen nur, Diogenes, gefunden hast du ihn noch nicht. So sagen zumindest Menschen, die dich kennen."

"Dummköpfe", sagte ich ohne zu fragen, woher die Flammen meinen Namen wussten.

"Nicht so einfach. Sie versuchen zu verstehen, warum du so bist, wie du bist. Das ist menschlich."

"Hündisch ist das. Was kümmert mich, warum andere so sind, wie sie sind. Ich gehe meinen Weg."

"Und wohin?"

"Nach Athen."

"Und wozu?"

Da endlich erwachte mein kritischer Geist wieder: "Wer will das wissen? Wer bist du denn eigentlich?"

"Im Augenblick bin ich wohl ein brennender Busch."

"Soso. Im Augenblick wohl… und sonst?"

"Oh, dies und das, wie es kommt und wie es gebraucht wird."

"Du bist keine Gottheit."

"Du glaubst, wie gesagt, nicht an Götter."

"Ich glaube, dass ich vor Erschöpfung eingeschlafen bin und von dir träume."

"Du täuschst dich. Du bist wach. Ich bin es, was hier träumt."

"Du redest Mist."

"Ich sage die Wahrheit. Ich träume hier am Wegesrand. Ich brauchte eine Pause. Aber ich will dich nicht länger auf die Folter spannen. Ich bin…", die Zweige knisterten unverständlich.

"Bitte?"

"Ich bin…", die Zweige knisterten lauter und länger.

"Ich verstehe nichts! Kannst du bitte deutlicher sprechen?"

"Ich spreche sehr deutlich." Die Flammen knisterten wieder, leise, langsam. Ich wollte weiterfragen. Aber mir war auf einmal so behaglich zumute, wozu sich eilen, wenn man so bequem und entspannt sitzen kann, während die Hitze des Tages einer kühlen Brise weicht und das Feuer wohlig wärmt. Nur mal kurz ausruhen, dachte ich, dann sehen wir weiter.

Als ich erwachte, war es kurz vor Sonnenaufgang, und der Busch war niedergebrannt.

Zu dumm, so eingeschlafen zu sein, wirklich zu dumm.

Ich seufzte, fuhr mit der Hand über die Lippen, murmelte: "Tout ça, ce n'est que des conneries", und erstarrte.

"Des histoires de merde", sagte ich. Der Stock fiel mir aus der Hand, ich betastete meine Lippen, das Kinn, bewegte den Unterkiefer hin und her. Dann rief ich so laut ich konnte: "Merde!" Hunde heulten in der Ferne. Ich zuckte zusammen, sah mich um, schüttelte heftig den Kopf, fühlte mich lächerlich – unschlüssig und lächerlich. Ich versuchte zu überlegen, aber die Gedanken wollten sich nicht formen.

Dann, endlich, eine Erklärung: "J'ai pris un coup de soleil" dachte ich und wusste gleichzeitig, das war es nicht. Wieder heulte ein Hund. "Il a raison, quand-même", murmelte ich, hob meinen Stock auf und machte mich wieder auf.

Als die Sonne schon etwas höher stand, erreichte ich eine Quelle. Ich setzte mich hin, trank, holte ein Stück Brot heraus und biss hinein. "D'abord, il faut trouver quelqu'un qui me comprenne", dachte ich, und hörte Schritte. "Sei mir gegrüßt, Fremder!", sagte eine jugendliche Stimme. Ich räusperte mich gründlich, blickte auf, zögerte, dann sagte ich langsam und deutlich: "Je te salue aussi, jeune étranger." Der Junge runzelte die Stirn: "Wo kommst du denn her?!", fragte er. Ich antwortete wieder langsam und deutlich: "Je suis né à Sinope, mais j'ai vécu dans beaucoup de cités. Maintenant je viens d'A*. Je suis philosophe." Das Gesicht des Jungen erhellte sich, er trat an die Quelle heran und füllte einen Wasserschlauch. "In A* habe ich Verwandte", sagte er, "Hirten. Ich bin auch Hirte, aber aus C*. Da willst du bestimmt hin, oder?" – "Oui, c'est vrai. Est-ce loin?", fragte ich, mit der Hand die Straße hinunterzeigend. "Nein, nicht sehr, du kommst am Nachmittag noch hin. Du willst doch auf ein Schiff? " – "Oui, pour rentrer à Athènes." – "Ein Schiff nach Athen legt morgen ab. Aber ob sie dich mitnehmen…" Die Frage war jetzt eigentlich überflüssig, aber ich musste sie trotzdem stellen: "Et tu comprends tout ce que je dis?" Der Junge hob das Kinn: "Ich bin zwar kein Philosoph, aber immer noch schlau genug, um mich mit dir zu unterhalten!", antwortete er pikiert, "Und jetzt muss ich. Sei gegrüßt." Ich blieb noch eine Weile sitzen und zerkrümelte den Rest meines Brots, das fürchterlich trocken geschmeckt hatte und nun wie grober Sand zu Boden rieselte.

In der Stadt fragte ich mich trotz der seltsamen Sprache, die ich plötzlich sprach, ohne Schwierigkeiten bis zum Hafen durch und fand dort das Schiff, von dem der Junge gesprochen hatte. Der Kapitän wies mich erst ab, ließ sich dann aber doch überreden. Ich solle mich pünktlich bei Sonnenaufgang einschiffen, bis dahin müsse ich sehen, wo ich bleibe.

So saß ich abends am Strand, zeichnete Figuren in den Sand und verwischte sie wieder mit der Handfläche, und das sanfte Rauschen der Wellen verwandelte sich allmählich in ein gleichmäßig an- und abschwellendes, mit dunklen Klängen vermischtes Stimmengewirr. "Une guitare", dachte ich, über das Wort noch mehr erstaunt als über die Töne. Der Mond verschwand hinter den rauchgeschwärzten Wänden einer Taverne. Ich saß jetzt einsam an einem kleinen Tisch neben einem Kamin, trank einen rauen, dunkelroten Wein aus einem Zinnbecher, tauchte gedankenverloren den Zeigefinger hinein und malte Buchstaben auf der zerkratzten Tischfläche.

Das Keifen der Wirtin, die mit einem zeternden Weib um die Zeche stritt, riss mich aus meinen Gedanken. Ein trommelnder Gitarrenakkord schlug in das Gezänk hinein, und wie auf Zeichen stimmten Männer in zerrissenen, verschmierten Uniformen am Tisch neben meinem ein derbes Lied an. "Becher des Ares!", schrie ein Bärtiger in einer Sprache, die ich verstand, aber nicht wiedererkannte, und leerte sein Glas in einem langen Zug. "Schild des Dionysos!", rief ein langer Dünner, erhob sich und prostete mir spöttisch zu. Eine abscheuliche Szene. "Meute de barbares", dachte ich, "bien digne de cette langue que je parle" . Ich hob den Becher, leerte ihn in einem Zug und wischte den Mund mit dem Handrücken ab. Dann bemerkte ich den Hund, der neben meinem Stuhl saß und so aussah, als erwarte er etwas von mir.

"Je n'ai rien pour toi, mon bon", wollte ich sagen, aber der lange Dürre vom Nebentisch rief laut, "'Tschuldijen Sie, Meester!" Wegducken ging nicht. "He! Sie!" Der Soldat stand langsam auf. "Is' das Ihr Hund?" Ich zuckte mit den Schultern. Er legte mir eine knochige Hand auf den Oberarm, in der anderen wippte locker ein langes, offenes Klappmesser. Er beugte sich zu mir hinunter: "Wat is', schwerhörig?", fragte er langsam und deutlich, "Ick rede mit Dir, alter Mann, is' det dein Hund?" Ich schüttelte den Kopf. "Dann haste sicher nix dajejen, wenn wir ihn mitnehmen." Er schlug mir einmal kräftig auf die Schulter, "Prima." Er packte das Tier, das leise winselte, und zerrte es weg. Als er am Kameradentisch vorbeikam, klopfte er dreimal hart auf die Fläche. Alle standen auf. Der Bärtige leerte sein Glas, zupfte sich die Jacke zurecht, rülpste und klatschte seinem Nebenmann jovial die Mütze auf den Kopf. Der rückte das Visier zurecht und nickte.

Nachdem die Tür zugefallen war, legte ich die Stirn auf die Tischfläche und presste die Hände zwischen den Knien. Der Wein kam mir hoch, rostig, bitter. Ich wollte sitzenbleiben, die Augen schließen. Aber ich stand auf, ging hinaus auf die menschenleere Straße, blickte nach rechts, nach links.

Da sind die Soldaten. Sie entfernen sich grölend von einem Baum. Ich beeile mich, renne, bleibe stehen, schließe die Augen. Der Hund hängt gekreuzigt am Stamm, an den man schlecht und recht ein Brett befestigt hat. Die Vorderläufe sind auseinan­der­gerissen, in jeder Vorderpfote steckt ein langer Nagel, die Hinterläufe sind übereinander gelegt und an den Stamm genagelt. Vor seiner Brust hängt ein Schild: "Gruß aus Berlin".

Jetzt sind wir im Wasser, und das Meer ist eine Wüste, ringsherum nichts als tote Fische, die langsam um die Leiche eines schwarzklebenden Vogels kreisen.
Pleure tant que tu as le temps, nous allons bientôt exploser. Ou ai-je un autre moyen ? Des options ? Assez, regarde : gilet, dynamite, ficelle, j'ai le déclencheur dans la main. Je ne dis pas au revoir, nous ne nous reverrons pas dans l'au-delà, et si cela devait arriver, je trouverais une bombe là-bas aussi.

Maintenant, je suis dans l'eau, et la mer est un désert. Tout autour, rien que des poissons morts gravitants lentement autour du cadavre d'un oiseau noir et collant.
Bravo. Goditi le ultime recriminazioni, poi guarda il tuo prossimo, la giacca è abbottonata, la dinamite è a posto, gli resta solo da gridare Dio è grande prima di premere il bottone, perché è questo che vuoi sentire, no? E avete ragione tutti e due: Dio è grande, sei tu il verme e siamo noi che te lo facciamo capire.

Siamo in alto mare, tesoro, e il mare è pieno di pesci migratori, pancia all'aria in un mostruoso vortice che risucchia il cadavere impeciato di un albatros, il deserto vive e risuona della danza che gli abbiamo composto, è questo il nostro lascito.
Well done. Let us make nature great again, come to the big cleansing, here, hold this, and yes, you may push the button yourself in a minute, just one last prayer for the children. They have a right to paradise.

Der gekreuzigte Hund sieht mich an: "¡Pues, hombre!", sagt er freundlich, "Warum denn so traurig? Freust du dich nicht, etwas so Aussergewöhnliches zu erleben? Du verstehst alle und alle verstehen dich, selbst ich als Hund, das ist doch ein Wunder!" Ich schreie ihn an: "Ausgerechnet du musst von Wundern sprechen?! Ausgerechnet du?!" – "Hör doch auf, bitte", sagt das Tier , "du redest nur Unsinn." Die Straße löst sich auf. Der Baum verschwindet.

Jetzt ist es vorbei, alles vorbei, und ich habe nichts daraus gemacht. Ich weiß nicht einmal, warum mich alle verstanden haben. Und wieder dieser Nebel, dieser ewige Nebel, und immer dieses Sirenengeheul, immer dieser Gestank, niemals etwas Anderes als verrottende Algen und auslaufendes Öl, nie etwas Anderes als dieser verpestete Fuselnachgeschmack.

Hat sich ja richtig gelohnt, was, Mister?! Erst über den Ozean, eingepfercht mit dem Viehzeug, dann roden, planieren, rauf aufs Gerüst wie die Affen, eine ganze Stadt hochziehen wie ihr noch nie eine gesehen habt! Ich! Mit diesen zwei Händen! Hoch, sage ich dir! Glitzernd und leuchtend! Und Brücken! Wie Perlenketten auf dem Wasser! Ja, lache, du, Schwein wie die anderen alle! Und ich?! Wochen, Monate und Jahre keinen einzigen Tag Ruhe bis zum letzten Schliff und jetzt da! Bitteschön! Bedankt euch ja nicht, wofür denn, lichtet den Anker, fahrt zur Hölle und nehmt's mit, es gehört euch you bought it you break it sowieso! Gleich platzt mir der Schädel und alles, alles, alles ist genau so fremd und genau so trostlos wie immer, und immer ich, immer ich, o ihr Götter! Wofür werde ich bestraft?!

Ein Wassertropfen fällt auf meine Hand. Ein zweiter. Dann noch einer. Aber die Hand wird nicht nass. Ich sehe nach oben, alles nur strahlend blau, und dabei spüre ich einen Wassertropfen nach dem anderen, dort, da, hier. Es ist ein Lied, jetzt höre ich es, sie singen "Wasser ist tröstlich, wenn man fragen hat und keine Antwort. Warum auch fragen, wenn Du schwimmen kannst? Warum Dich quälen? Komm lieber ins Wasser".

Die Wassertropfen kitzeln auf der Haut, man wird ganz beschwingt davon. Sie waschen alles ab. Das ist es: ich geh mal ins Wasser, danach geht's mir bestimmt wieder besser.