Die ganze Wahrheit

Die Wahrheit ist schnell gesagt: Ich bin Odysseus. Ich bin derjenige, der am Ende des Tages durchkommt, alles Andere ist dichterische Freiheit, die man sich immer nehmen kann und niemals nützt. Dennoch weiß ich mir nicht immer allein zu helfen. Vor Troja zum Beispiel haben mich schlechte Träume so lang geplagt, bis ich eines nachts zum Zelt des Sehers Kalchas ging, der zwar bei weitem nicht der beste war, aber das Beste, das man dort kriegen konnte.

Kalchas lag auf seiner Pritsche, nackt, und sah das Zeltdach an, als könne er darauf etwas lesen. Eine Sklavin massierte ihm die Füße. Als sie mich sah, verkroch sie sich schnell in eine Ecke, brav. Ich setzte mich auf einen Schemel bei der Pritsche. Der Seher murmelte: "Wenn du mich befragen willst, kommst du zur Unzeit, Odysseus. Ich kann in der Nacht auch nicht besser sehen als du."

Das haben Seher an sich, sie halten jeden für dumm. Man muss darüber hinwegsehen, der Witz sei gestattet, also sagte ich nur: "Ich will dich nicht bitten, in die Zukunft zu schauen. Ich brauche was von dir."

"Hast du geträumt?" – Seher haben das Recht, dumme Fragen zu stellen  – "Auch Träume zu deuten ist nicht leicht, ohne die Riten vollzogen zu haben." – und sie haben das Vorrecht zu verkünden, was auch ein Blinder mit dem Krückstock sieht.

"Ich habe von Teiresias geträumt". Das wusste ich, dass er jetzt bitter lächeln würde. Nicht den Dreck unterm Fingernagel gönnen sie einander. Ich erklärte ihm die Sache so, dass er sie verstehen konnte. "Teiresias kam mir entgegen in der Schlacht. Ich sah ihn und war in einem Bannkreis gefangen, um den herum die Männer weiterkämpften. Als wir uns gegenüberstanden, setzte er mir die Spitze seines goldenen Stabs an die Brust. Er sagte, ich müsse jetzt die Wahrheit erfahren. Ich überlegte, warum der Schatten des Sehers zu mir kam, jetzt, da ich unrein war, mitten in der blutigen Schlacht. Ich befürchtete, ein Gott würde mich täuschen, mich ins Verderben stürzen. Deshalb sagte ich ihm, dass ich nicht wissen wolle, was mich erwarte. Darauf verschwand er, und ich erwachte."

Der Seher spottet: "Ich hätte nicht gedacht, dass du mich brauchst, um einen solchen Traum zu deuten, göttergleicher Odysseus."

Geduld, Götter, Geduld. "Was der Traum bedeutet, weiß ich selbst. Ich will nur, dass du mir etwas gibst, damit ich ihn weiterträumen kann. Ich habe meine Meinung geändert. Ich glaube, ich sollte ihm zuhören."

Kalchas schließt die Augen: "Träume kann man nicht herbeirufen", sagt er müde. Dann liegt er reglos.

Es reicht. Ich ziehe das kurze Schwert und setze ihm die Spitze an die Brust. In der Ecke raschelt's. "Wenn du Alarm schlägst", sage ich ohne mich umzusehen, "stirbst du". Sie winselt nur und verschwindet. Kalchas zuckt einmal, zweimal, dann liegt er stocksteif. Er sieht anders aus. "Schau mich an", flüstere ich. Der Seher öffnet die Augen, sie sind jetzt weiß und blind. "Du bist nicht Kalchas", ich drücke die Schwertspitze ein wenig stärker ins Fleisch. Kein Blut. "Wer bist du?" – "Du musst jetzt die ganze Wahrheit erfahren. Ich bin gekommen, um sie dir zu verkünden."

Nicht mit mir. Ich trete einen Schritt zurück: "Warum, Teiresias? Warum muss ich mein Schicksal erfahren, bevor es vollendet ist?" Da verschwindet das Zelt, das Bett, und ich stehe unter der Mauer von Troia, vor mir der verfluchte Teiresias, der einzige Mensch auf Erden, den ich von unten ansehen muss.

Dann muss es eben sein. Ich ziehe mit der Linken das Messer, das Schwert habe ich schon auf ihn gerichtet. Trotzdem rede ich. Seltsam, es gibt doch eigentlich nichts mehr zu sagen. "Du kannst mich nicht zwingen, dir zuzuhören. Ich will nicht wissen, was du zu sagen hast. Du kommst ungerufen. Ich weiß nicht, wer dich schickt und warum." Das hätte ich wirklich nicht sagen dürfen. "Bist du denn so blind vor Angst?" Der Seher verschwindet, und ich stehe da.

Wenigstens haben uns die trojanischen Wachen nicht bemerkt. Ich schleiche zurück ins Lager und setze mich am Strand hin, im Schatten der Schiffe. Was soll ich wieder ins Zelt, hier kann man sich auch ausruhen. Aber eine jugendliche Stimme fragt, "Kannst du auch nicht schlafen?". Patroklos geistert wieder herum, auch die Jugend wird bettflüchtig in diesem Krieg. Ich seufze. "Junge, ich habe zweimal hintereinander denselben Fehler gemacht. Ich lasse nach." Er setzt sich zu mir. "Ja, Mann, hier blickt keiner mehr durch. Und ich hab gestern einen Troer von der Klinge springen lassen, einfach so, stell' dir vor. Ich hatte einfach keinen Bock mehr. Man hat mir gesagt, dass ich sterben werde. Achilles auch, nach mir. Aber du wirst nicht vor Troia sterben, göttergleicher Odysseus." Ich will ihm ins Wort fallen, aber es geht nicht. "Ein bisschen beneide ich dich doch", spricht er weiter, "du wirst heimkehren. Aber die Heimreise wird lang sein und beschwerlich." Er nimmt mit drei Fingern eine Prise Sand und lässt ihn langsam rieseln. "Und dann das andere, alles… Ich kann noch mehr sagen, willst du noch mehr wissen?"

Nein. Das will ich nicht.

Aber ich muss auch nicht, ich bin allein, das Lager füllt sich mit geschäftigem Lärm, die Männer legen ihre Waffen an.

Ich hebe das Schwert auf, jemand ruft meinen Namen. Das ist jetzt wirklich Patroklos: "Mein Junge! Guten Morgen!", rufe ich ihm zu, "Sei heute nicht wieder so weichherzig, tu mir die Liebe! Willst du denn nicht nach Hause?" Aber er sucht mit den Augen, sieht stirnrunzelnd durch mich hindurch, als wäre niemand da. Dann zuckt er mit den Schultern und geht weiter.

Ich stehe auf. Dass man vor einer Schlacht immer so beschissen träumen muss. Nach der Schlacht, niemals, aber vor der Schlacht jedes verfickte Mal.

Der Tag geht rasch vorbei. Als die Sonne untergeht, stehe ich wieder am Strand, wie immer, und starre die Wellen an, blinzle, schüttle den Kopf. Nichts hilft, meine Augen fühlen sich furchtbar an.

Das war's. Jetzt sehe ich mich am Strand einer Insel stehen, den Bogen spannen und ins Schwarze treffen. "Das", verkündet Teiresias feierlich, "ist die ganze Wahrheit.

Gefesselt an das Steuer deines Wagens überquerst du jede Nacht dieselbe Brücke.

Du gleitest zwischen zwei Laternenreihen, deine Krieger baumeln daran, sie locken

mach die Augen zu, Feldherr,

nimm die Hände vom Lenkrad.

Und du beschwörst sie,

schneidet den Strick,

ihr atmet noch,

zerstört die verfluchte Stadt,

wer oder was hindert euch daran?

Los! Jetzt überqueren wir den Styx,

jetzt schließen wir die Reihen,

wir singen unser Lied und die Sirenen verrecken,

zwei Finger in den Ohren, und die Berge

zerstieben zu Sand, und das Meer

erstarrt auf ewig zu weinrotem Eis.

Wir singen: Frères, débarquons maintenant

e celebriamo la terraferma!

Und wir bedecken den Strand mit Speisen,

we light the fires, e mesciamo vino.

et quand nous sommes tous assis ensemble,

dann begreifst du wohl endlich,

ce que c'est d'exister

sciogli le vele, allora, torna

nel profondo, e guardaci volare

sulle ali dei remi

nel deserto

e con la forza di tutte le tue voci

chante,

dissolto,

onde

dans le sable

che spariranno senza lasciare tracce

and be forsaken, denn wir werden leben,

wir werden siegen

und alles zerstören."